Ein Ausbildungsvertrag ist ein unscheinbares Papier. Name, Beruf, Beginn, Probezeit, Vergütung, zwei Unterschriften, dazu die Eintragung bei der Kammer. Jedes Jahr im Spätsommer entstehen Hunderttausende davon, und jedes einzelne ist eine Entscheidung zweier Seiten: eines Betriebs, der ausbilden will, und eines jungen Menschen, der dort lernen will.
2025 kamen 461.919 solcher Verträge zustande, so wenige wie nie, seit die Reihe zu den neuen Ausbildungsverträgen 2008 beginnt (Tabelle 21211-0004, Stand 09.09.2026). Das sind 141.339 weniger als 2008. Wir haben die Verträge nach dem Schulabschluss der Auszubildenden neben die Schulabgänger mit demselben Abschluss gestellt. Dabei zeigt sich, dass der Rückgang zwei Phasen mit verschiedenen Ursachen hat. Bis 2019 lag er an der Größe der Jahrgänge, seitdem an etwas anderem.
Welche Zahl hier gemeint ist
Gezählt werden in dieser Reihe die Verträge, die in einem Kalenderjahr begonnen haben und am 31. Dezember noch bestehen, erhoben bei den Kammern. Das Bundesinstitut für Berufsbildung zählt anders, bis zum 30. September und ohne die vorzeitig gelösten Verträge. Nach dieser Zählung waren es 2025 rund 476.000 (BIBB, Der Ausbildungsmarkt im Jahr 2025), und nach ihr lag 2020 mit 467.500 sogar noch tiefer (BIBB, Entwicklung des Ausbildungsmarktes 2020). Der Tiefststand gilt also für die amtliche Reihe zum Jahresende, nicht für jede Zählung.
Ein neuer Vertrag ist auch nicht immer ein neuer Anfang. 2024 waren 89,3 Prozent der Neuabschlüsse echte Ausbildungsanfänger, der Rest wechselte den Betrieb oder begann eine zweite Ausbildung (Datenreport zum Berufsbildungsbericht 2026). Wie sich die Verträge auf Industrie und Handel, Handwerk und die übrigen Bereiche verteilen und wer Aufstiegs-BAföG bekommt, führt das Dossier Ausbildung.
Zwei Einbrüche, danach kein Aufholen
Die Reihe fällt nicht gleichmäßig. Sie fällt in zwei Stößen. 2009 kamen 46.548 Verträge weniger zustande als im Jahr davor, mitten in der Finanzkrise. 2020, im ersten Jahr der Pandemie, waren es 47.559 weniger. Nach beiden Einbrüchen erholte sich die Zahl ein wenig, erreichte aber nie wieder das Niveau davor. Dazwischen stieg sie nur selten, am deutlichsten 2011, von 553.857 auf 561.099. In diesem Jahr wurde die Wehrpflicht ausgesetzt, und junge Männer kamen ohne Wehr- oder Zivildienst direkt auf den Ausbildungsmarkt; der Berufsbildungsbericht 2026 nennt diesen Nachfrageschub ausdrücklich.
Der Bildungsbericht 2026 liest daraus einen Zusammenhang: Krisen wie die Finanzkrise, die Pandemie und die anhaltende wirtschaftliche Schwäche seien „mit teils gravierenden Einschnitten in den Ausbildungen des dualen Systems verbunden" (Bildung in Deutschland 2026). Offen bleibt, wie viel davon an der Konjunktur liegt und wie viel an etwas, das langsamer wirkt.
Bis 2019 fehlten die Schulabgänger
Die Frage lässt sich teilweise beantworten, wenn man die Verträge nach dem Schulabschluss der Auszubildenden aufteilt und jeder Gruppe die Schulabgänger mit demselben Abschluss gegenüberstellt (Tabellen 21211-0006 und 21111-0004, abgerufen am 30.09.2026). Dann lässt sich jede Veränderung zerlegen: in den Teil, der entsteht, weil ein Jahrgang kleiner oder größer ist, und in den Teil, der entsteht, weil aus diesem Jahrgang mehr oder weniger in eine duale Ausbildung gehen. Verträge mit einem im Ausland erworbenen Abschluss haben keinen solchen Jahrgang und stehen getrennt.
Von 2011 bis 2019 gingen die Verträge mit einem der vier inländischen Schulabschlüsse um 57.138 zurück. Fast genau so groß, 57.103, ist der Teil, den kleinere Abgängerjahrgänge erklären. Im Durchschnitt gingen die Abgänger dieser Jahre so oft in eine Ausbildung wie vorher; es verließen nur weniger die Schule. Innerhalb dieser Summe verschob sich allerdings viel: Weniger Verträge mit Erstem und mit mittlerem Schulabschluss, deutlich mehr mit Hochschulreife.
Seit 2019 fehlen die Verträge
Von 2019 bis 2024 kehrte sich das um. Die Zahl der Schulabgänger blieb fast gleich, 800.811 im Sommer 2019 und 798.514 im Sommer 2024 (Tabelle 21111-0004). Die Verträge mit einem inländischen Schulabschluss gingen trotzdem um 43.800 zurück. Kleinere Jahrgänge erklären davon 2.382. Die übrigen 41.418 entstehen, weil aus jedem Abschluss weniger junge Menschen einen Ausbildungsvertrag unterschrieben. Bis 2019 fehlten die Schulabgänger, seitdem fehlen die Verträge.
Bis 2019 fehlten die Schulabgänger, seitdem fehlen die Verträge.
Das Jahr 2025 rechnen wir hier bewusst nicht mit. Im Sommer 2025 fehlte in Bayern fast der ganze Abiturjahrgang, weil das Land zum neunjährigen Gymnasium zurückkehrte, und das verzerrt jede Rechnung, die Verträge auf Abgänger bezieht. Wie sich die Zahl der Abgänger ohne Abschluss in denselben Jahren entwickelt hat, steht in der Sonderauswertung 1/2026.