Warum die amtliche Statistik keine Prognosen macht
Das Statistische Bundesamt sagt nicht, wie viele Menschen 2030 in Deutschland leben. Es rechnet bis 2070, nennt das Ergebnis aber nicht Prognose, und der Grund dafür lässt sich nachrechnen.
Die amtliche Statistik erfasst ausschließlich abgeschlossene Zeiträume; der jüngste Stand der Einwohnerzahl ist der 31. Dezember 2025 mit 83.467.117 Personen (Statistisches Bundesamt, Tabelle 12411-0001). Der einzige Blick nach vorn ist die Bevölkerungsvorausberechnung in Tabelle 12421-0001, die bis 2070 reicht und in 13 gleichrangigen Varianten ohne Insgesamt-Zeile vorliegt. Für 2025 setzte sie 83.431.200 Personen an und lag damit 35.917 Personen neben dem gezählten Wert.
Am 31. Dezember 2025 lebten 83.467.117 Menschen in Deutschland. Die Zahl steht auf die Person genau in Tabelle 12411-0001 des Statistischen Bundesamtes, und sie ist bereits Vergangenheit, als Sie sie lesen. Wer wissen will, wie viele es im Jahr 2030 sein werden, findet dort nichts. Nicht, weil das Amt es nicht ausrechnen könnte. Sondern weil es das nicht als seine Aufgabe ansieht.
Das ist der Unterschied zwischen einer Statistik und einer Prognose, und er wird selten erklärt, obwohl fast jeder danach sucht.
Eine Statistik misst, was war
Die amtliche Statistik ist eine rückwärtsgewandte Einrichtung, und das ist keine Kritik, sondern ihre Bauart. Sie erhebt, was geschehen ist: geborene Kinder, geschlossene Ehen, beantragte Insolvenzverfahren, verkaufte Quadratmeter Bauland. Jede dieser Zahlen hat einen Stichtag oder einen Berichtszeitraum, und alles, was danach kommt, steht in der nächsten Erhebung.
Die Einwohnerzahl zeigt das besonders deutlich. Sie liegt als Reihe von 56 Werten vor, vom 31. Dezember 1970 mit 61.001.164 Einwohnern bis zum 31. Dezember 2025. Jeder einzelne dieser Werte ist eine Aussage über einen Tag, der vorbei ist. Zusammen ergeben sie eine Linie, und diese Linie lädt dazu ein, sie mit dem Lineal zu verlängern.
Genau davor warnt die Statistik selbst.
Die Fortschreibung ist keine Zählung
Die Einwohnerzahl wird nicht jedes Jahr neu gezählt. Sie wird fortgeschrieben: Das Amt nimmt den letzten Zensus und rechnet Geburten, Sterbefälle und Wanderungen hinzu oder ab. Das funktioniert gut, aber es funktioniert nicht fehlerfrei, und wie groß der Fehler wird, sieht man erst, wenn wieder gezählt wird.
Zweimal in dieser Reihe ist wieder gezählt worden. Zum 31. Dezember 2010 wies die Fortschreibung 81.751.602 Einwohner aus, ein Jahr später, nach dem Zensus 2011, waren es 80.327.900. Die Korrektur betrug 1.423.702 Menschen, und niemand war ausgewandert. Es waren Karteileichen, die sich über zwei Jahrzehnte Fortschreibung angesammelt hatten. Beim Zensus 2022 fiel die Berichtigung kleiner aus: von 83.237.124 auf 83.118.501, ein Abstand von 118.623.
Eine Zahl, die aus einer Rechnung stammt, trägt den Fehler dieser Rechnung mit sich, auch wenn sie auf die Person genau aussieht.
In der Reihe stehen diese beiden Sprünge als Fußnote, nicht als Ereignis. Wer sie überliest, sieht 2011 einen Bevölkerungsrückgang, den es nicht gab.
Wie viele Menschen leben in Deutschland?
Es gibt eine Ausnahme, und sie heißt nicht Prognose
Das Bundesamt rechnet sehr wohl in die Zukunft. Die Bevölkerungsvorausberechnung reicht bis 2070, liegt in Tabelle 12421-0001 als eigene Statistik vor und steht im Dossier Geburten neben den gezählten Werten. Sie ist der einzige Blick nach vorn im ganzen amtlichen Bestand, und sie ist mit Bedacht anders gebaut als alles andere.
Erstens heißt sie nicht Prognose, sondern Vorausberechnung. Der Unterschied ist kein sprachlicher. Eine Prognose sagt, was passieren wird. Eine Vorausberechnung sagt, was passieren würde, wenn bestimmte Annahmen zuträfen.
Zweitens gibt es sie nicht einmal, sondern dreizehnmal. Die Tabelle führt 13 gleichrangige Varianten mit verschiedenen Annahmen über Geburtenhäufigkeit, Lebenserwartung und Wanderungssaldo. Eine Insgesamt-Zeile, die man einfach zitieren könnte, existiert nicht. Das ist kein Versäumnis, sondern die Aussage selbst: Das Amt weigert sich, eine der Varianten zur wahren zu erklären.
Drittens ist sie nachprüfbar falsch, und zwar sofort. Für das Jahr 2025 rechnet die Vorausberechnung mit 83.431.200 Menschen. Gezählt wurden am 31. Dezember 2025 aber 83.467.117. Der Abstand beträgt 35.917 Personen, gut vier Hundertstel Prozent, nach nur einem Jahr Vorlauf und bei einer Größe, die sich langsamer ändert als fast jede andere.
Was das für den Blick auf 2070 bedeutet
Die Variante, bei der Geburtenrate, Lebenserwartung und Wanderungssaldo alle drei moderat angenommen werden, landet 2070 bei 74.692.000 Menschen. Das sind knapp neun Millionen weniger als heute, und es ist eine Zahl, die sich hervorragend in eine Schlagzeile setzen lässt. Die übrigen zwölf Varianten führen zu deutlich anderen Zahlen, in beide Richtungen.
Sie hält dem aber nicht stand, was man ihr aufzuladen versucht. Eine Rechnung, die nach einem Jahr um 35.917 Personen danebenliegt, sagt über einen Zeitraum von 45 Jahren keine Menschenzahl, sondern eine Richtung. Die Richtung ist belastbar: Ohne Zuwanderung schrumpft die Bevölkerung, weil seit den 1970er Jahren zu wenige Kinder geboren werden, um den Bestand zu halten. Die konkrete Zahl für 2070 ist es nicht.
Der ehrliche Satz lautet deshalb: Wir wissen, wohin es geht, und wir wissen nicht, wie weit.
Wer seriös vorhersagt, und warum das andere Häuser sind
Wirtschaftliche Vorhersagen macht in Deutschland nicht das Bundesamt, sondern eine Handvoll spezialisierter Einrichtungen. Die Deutsche Bundesbank veröffentlicht halbjährlich Projektionen zu Wachstum und Inflation. Der Sachverständigenrat zur Begutachtung der gesamtwirtschaftlichen Entwicklung legt jedes Jahr im November ein Gutachten vor. Die großen Wirtschaftsforschungsinstitute, darunter das ifo Institut in München, das IfW Kiel, das DIW Berlin und das RWI in Essen, erstellen gemeinsam die Gemeinschaftsdiagnose im Auftrag des Bundesministeriums für Wirtschaft.
Diese Häuser arbeiten mit denselben amtlichen Daten, die auch hier stehen, und legen ein Modell darüber. Das Modell enthält Annahmen, die Annahmen enthalten Urteile, und die Urteile gehen manchmal auseinander. Genau deshalb sind es mehrere Institute und nicht eines.
Die Arbeitsteilung ist sauber: Das Bundesamt liefert die gemessene Vergangenheit, die Institute liefern die begründete Vermutung. Wer beides verwechselt, hält eine Vermutung für eine Messung.
Warum hier keine Prognosen stehen
Dieses Portal führt aus demselben Grund keine Vorhersagen wie das Bundesamt: Es kann sie nicht prüfen.
Jede Zahl auf diesen Seiten lässt sich bis in eine amtliche Tabelle zurückverfolgen, mit Nummer und Datenstand. Bei einer Prognose ginge das nicht. Man könnte die Rechnung nachvollziehen, aber nicht das Ergebnis nachprüfen, denn das Ereignis hat noch nicht stattgefunden. Ein Portal, dessen einziges Versprechen die Nachprüfbarkeit ist, kann keine Zahl führen, die diesem Versprechen entzogen ist.
Was stattdessen hier steht, ist der aktuelle Rand: der jüngste Wert, den das Amt herausgegeben hat, mit dem Tag seiner Veröffentlichung und der Tabelle, aus der er stammt. Für alle 75 Reihen gilt dasselbe. Bei der Einwohnerzahl ist das der 31. Dezember 2025. Bei den Insolvenzen ist es der Juni 2026, weil diese Statistik monatlich erscheint und rund drei Monate hinterherläuft.
Der aktuelle Rand leistet etwas, was eine Prognose nicht leistet. Er sagt nicht, was kommt. Er sagt, wo wir gerade stehen, und er sagt es ohne Annahme.
Zwei Fragen, die man nicht verwechseln sollte
Frage
Wer antwortet
Was die Antwort ist
Wie viele Menschen lebten am 31. Dezember 2025 in Deutschland?
Statistisches Bundesamt
eine Zählung, 83.467.117
Wie viele werden es 2070 sein?
Statistisches Bundesamt, Vorausberechnung
13 Varianten, keine davon die richtige
Wie stark wächst die Wirtschaft nächstes Jahr?
Bundesbank, Sachverständigenrat, Institute
eine Vermutung mit offengelegtem Modell
Die erste Zeile ist überprüfbar. Die zweite ist nachvollziehbar. Die dritte ist begründet. Das sind drei verschiedene Qualitäten, und keine ist die andere.
Der Praxistest für jede Zahl über die Zukunft
Wenn Ihnen eine Zahl über ein Jahr begegnet, das noch nicht vorbei ist, helfen drei Fragen weiter. Wo genau sie in der Tabelle stehen, erklärt der Ratgeber zum Lesen einer amtlichen Tabelle.
Steht dabei, welche Annahmen gelten? Bei einer amtlichen Vorausberechnung steht es immer, bei einer Meldung darüber oft nicht mehr. Gibt es mehrere Varianten, und wird eine davon als die richtige ausgegeben? Dann ist unterwegs etwas verloren gegangen. Und schließlich: Wie weit reicht die Rechnung, und wie gut war sie im ersten Jahr?
Bei der Bevölkerungsvorausberechnung lautet die Antwort auf die letzte Frage: 45 Jahre weit, und im ersten Jahr um 35.917 Personen daneben. Das ist keine Schwäche der Rechnung. Es ist ihre ehrlichste Eigenschaft, weil man sie nachrechnen kann.
Der aktuelle Rand liegt nicht überall gleich weit zurück
Wer weiß, dass die Statistik nur die Vergangenheit kennt, will als Nächstes wissen, wie frisch diese Vergangenheit ist. Die Antwort fällt je nach Statistik sehr verschieden aus, und der Unterschied beträgt Jahre.
Am 11. September 2026 sah der Bestand dieses Portals so aus:
Statistik
jüngster Wert
Abstand
Verbraucherpreisindex
August 2026
knapp zwei Wochen
Gewerbeanmeldungen
Juli 2026
rund sechs Wochen
Beantragte Insolvenzverfahren
Juni 2026
rund zehn Wochen
Einwohnerzahl
31. Dezember 2025
gut acht Monate
Bruttoinlandsprodukt
2025
gut acht Monate
Pflegebedürftige
31. Dezember 2023
zwei Jahre und acht Monate
Die Reihenfolge hat einen Grund. Der Verbraucherpreisindex beruht auf Preisen, die Erhebungsbeauftragte im laufenden Monat notieren, und wird in einer vorläufigen Fassung schon vor Monatsende geschätzt. Die Insolvenzen dagegen zählen Anträge bei den Amtsgerichten, und zwischen Antrag und Meldung an die Statistik liegt ein Verwaltungsweg.
Am längsten braucht, was in einer eigenen Vollerhebung bei Zehntausenden Einrichtungen abgefragt wird. Die Pflegebedürftigen werden nur alle zwei Jahre erhoben, zum 31. Dezember, und die Aufbereitung dauert danach noch einmal über ein Jahr.
Genauigkeit und Aktualität sind ein Tausch
Dass eine Statistik alt ist, heißt nicht, dass sie schlecht gemacht ist. Es heißt fast immer, dass sie genauer ist.
Eine schnelle Zahl beruht auf einer Stichprobe, einer Schätzung oder einer vorläufigen Meldung, und sie wird später korrigiert. Der Verbraucherpreisindex erscheint zuerst als Schätzung und danach in endgültiger Fassung. Eine langsame Zahl wie die Pflegestatistik beruht auf einer Vollerhebung und wird kaum je revidiert.
Wer die aktuellste Zahl verlangt, verlangt zugleich die unsicherste.
Für Vorhersagen ist genau das der Haken. Ein Prognosemodell braucht aktuelle Eingangsdaten, und die aktuellsten Daten sind die, die am ehesten noch revidiert werden. Die Wirtschaftsforschungsinstitute rechnen deshalb mit Zahlen, die sich unter ihnen noch bewegen, während sie schreiben. Dass ihre Ergebnisse auseinandergehen, liegt nicht nur an verschiedenen Modellen, sondern auch daran, dass sie zu verschiedenen Zeitpunkten auf verschieden alte Daten geschaut haben.
Was Sie mit dem aktuellen Rand anfangen können
Drei Dinge lassen sich mit einer Zahl über die Vergangenheit tun, für die man keine Prognose braucht.
Erstens die Einordnung in die eigene Reihe: Ist der jüngste Wert hoch oder niedrig, verglichen mit den vorherigen dreißig? Das ist eine Aussage über die Gegenwart und beruht auf nichts als gemessenen Werten.
Zweitens der Vergleich zweier Größen, die auseinanderlaufen. Wenn die Zahl der Beschäftigten in einer Branche steigt und ihr Umsatz fällt, ist das ein Befund, ohne dass jemand die Zukunft bemühen müsste.
Wer für eine bestimmte Zahl wissen will, wie alt sie gerade ist, kann sie hier auch direkt erfragen. Und drittens die Frage, wann der nächste Wert kommt. Bei einer Monatsstatistik ist das ein überschaubarer Zeitraum, bei einer zweijährlichen Erhebung nicht. Wer das weiß, weiß auch, wie lange die Zahl, die er gerade zitiert, noch die aktuellste bleiben wird.
Alle 5 Dossiers und die Reihen des Bereichs stehen unter Bevölkerung.
Wenn Ihre Frage dort nicht steht, stellen Sie sie: Statistik antwortet sucht
die Antwort im geprüften Bestand, drei Fragen sind frei.
Häufige Fragen
Wie viele Menschen lebten am 31. Dezember 2025 in Deutschland?
In Deutschland lebten am 31. Dezember 2025 genau 83.467.117 Menschen (Statistisches Bundesamt, Tabelle 12411-0001). Die Reihe umfasst 56 Jahreswerte und beginnt am 31. Dezember 1970 mit 61.001.164 Einwohnern. Der Wert wird nicht jährlich gezählt, sondern aus dem letzten Zensus mit Geburten, Sterbefällen und Wanderungen fortgeschrieben.
Wie viele Menschen werden im Jahr 2070 in Deutschland leben?
Eine einzelne amtliche Zahl für 2070 gibt es nicht: Die Bevölkerungsvorausberechnung des Statistischen Bundesamtes (Tabelle 12421-0001) führt 13 gleichrangige Varianten und keine Insgesamt-Zeile. Die Variante mit moderaten Annahmen zu Geburtenhäufigkeit, Lebenserwartung und Wanderungssaldo endet 2070 bei 74.692.000 Menschen, knapp neun Millionen weniger als heute. Die übrigen zwölf Varianten führen zu deutlich anderen Werten in beide Richtungen.
Wie genau war die Bevölkerungsvorausberechnung für das Jahr 2025?
Für 2025 rechnete die Vorausberechnung des Statistischen Bundesamtes (Tabelle 12421-0001) mit 83.431.200 Menschen, gezählt wurden zum 31. Dezember 2025 aber 83.467.117 (Tabelle 12411-0001). Der Abstand beträgt 35.917 Personen oder gut vier Hundertstel Prozent, und zwar nach nur einem Jahr Vorlauf. Eine Vorausberechnung sagt deshalb nicht, was passieren wird, sondern was passieren würde, wenn ihre Annahmen zuträfen.
Warum sank die Einwohnerzahl Deutschlands beim Zensus 2011 um über eine Million?
Zum 31. Dezember 2010 wies die Fortschreibung 81.751.602 Einwohner aus, nach dem Zensus 2011 waren es 80.327.900 (Statistisches Bundesamt, Tabelle 12411-0001). Die Korrektur von 1.423.702 Personen entstand nicht durch Auswanderung, sondern durch Karteileichen, die sich über zwei Jahrzehnte Fortschreibung angesammelt hatten. Beim Zensus 2022 fiel die Berichtigung mit 118.623 Personen deutlich kleiner aus, von 83.237.124 auf 83.118.501.
Wer erstellt in Deutschland Wirtschaftsprognosen, wenn nicht das Statistische Bundesamt?
Wirtschaftliche Vorhersagen kommen in Deutschland von der Deutschen Bundesbank, die halbjährlich Projektionen zu Wachstum und Inflation veröffentlicht, und vom Sachverständigenrat zur Begutachtung der gesamtwirtschaftlichen Entwicklung mit seinem Jahresgutachten im November. Hinzu kommen die Wirtschaftsforschungsinstitute ifo, IfW Kiel, DIW Berlin und RWI Essen, die im Auftrag des Bundesministeriums für Wirtschaft die Gemeinschaftsdiagnose erstellen. Diese Häuser legen ein Modell über dieselben amtlichen Daten, die das Statistische Bundesamt als gemessene Vergangenheit liefert.