Mittelwert oder Median: Warum die eigene Gehaltsfrage zwei Antworten hat
Wer nach dem Durchschnittsgehalt in Deutschland sucht, bekommt vom Amt zwei Antworten: Mittelwert und Median. Beide stimmen, und die Lücke zwischen ihnen ist selbst eine Auskunft über die Verteilung der Löhne.
Der Nominallohnindex des Statistischen Bundesamts lag 2007 bei 61,7 Punkten und 2025 bei 100 Punkten (Basisjahr), ein nominaler Anstieg von rund 62 Prozent (Tabelle 62361-0020, Stand 09.09.2026).
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Stellen Sie sich zehn Menschen am Tresen einer Kneipe vor. Neun von ihnen verdienen 2.500 Euro brutto im Monat, solide für ihre Branche, nicht mehr. Dann betritt eine Investmentbankerin den Raum. Sie verdient, reine Rechnung, 40.000 Euro im Monat. Der Schnitt am Tresen springt auf 6.250 Euro, obwohl sich am Gehalt der neun anderen nichts geändert hat.
Dieses Prinzip macht die Suche nach dem Durchschnittsgehalt so unübersichtlich. Wer wissen will, was er im Vergleich zu anderen verdient, bekommt je nach Quelle eine andere Zahl. Und keine davon lügt.
Zwei Wörter, zwei Antworten
Das Statistische Bundesamt kennt für dieselbe Frage zwei Kennzahlen, die unterschiedliche Antworten geben. Der Mittelwert, umgangssprachlich der Durchschnitt, addiert alle Gehälter und teilt die Summe durch die Zahl der Beschäftigten. Der Median sortiert stattdessen alle Werte der Größe nach und nimmt den, der genau in der Mitte steht: Eine Hälfte der Beschäftigten verdient mehr, die andere weniger.
Der Median übersteht die Kneipenszene von oben fast unverändert. Kommt eine Investmentbankerin hinzu, verschiebt sich die Position in der Mitte kaum, weil der Median sich nicht am Gesamtbetrag orientiert, sondern an der Reihenfolge. Deshalb weicht das Mediangehalt regelmäßig vom Durchschnittsgehalt ab, und die Differenz zwischen beiden Werten ist selbst eine Information: Sie zeigt, wie ungleich die Verdienste tatsächlich verteilt sind, ohne dass eine der beiden Zahlen dafür falsch wäre.
Kennzahl
Rechenweg
Reagiert auf Ausreißer
Mittelwert
Summe aller Gehälter geteilt durch die Zahl der Beschäftigten
stark
Median
mittlerer Wert der der Größe nach sortierten Gehälter
kaum
Der Mittelwert beantwortet, wie viel insgesamt verteilt wird. Der Median beantwortet, wo die Mitte der Verteilung liegt.
Der Mittelwert beantwortet, wie viel insgesamt verteilt wird. Der Median beantwortet, wo die Mitte der Verteilung liegt.
Warum der Durchschnitt höher liegt als das, was die meisten verdienen
Einkommen sind in Deutschland, wie in fast jeder Volkswirtschaft, nicht symmetrisch verteilt. Es gibt eine große Gruppe im mittleren Bereich und eine kleine Gruppe mit sehr hohen Gehältern, aber keine vergleichbar große Gruppe mit sehr niedrigen. Diese Schieflage nach oben zieht den Mittelwert über die Mitte der Verteilung hinaus.
Bei einer nach oben schiefen Verteilung liegt der Median unter dem Mittelwert. Wie groß der Abstand in Deutschland ist, geben die Indexwerte nicht her. Niemand hat betrogen, gerechnet wurde korrekt. Nur beschreibt der Mittelwert eben die Summe, nicht die Mitte.
Wer unter dem viel zitierten Durchschnittslohn liegt, obwohl der Job normal bezahlt ist, teilt diese Erfahrung mit der Mehrheit der Beschäftigten. Daraus folgt eine Vorsicht: Am Mittelwert lässt sich ein einzelnes Gehalt nicht messen. Er enthält die Spitzenverdienste, die in keiner Kneipe am Tresen sitzen, aber in der Statistik trotzdem mitzählen.
Warum verschiedene Quellen unterschiedliche Zahlen nennen
Neben Mittelwert und Median gibt es eine zweite Quelle für Verwirrung: die Erhebungsmethode selbst. Brutto und netto sind zwei verschiedene Zahlen für dasselbe Gehalt, getrennt durch Steuern und Sozialabgaben, die je nach Steuerklasse und Familienstand unterschiedlich hoch ausfallen. Ein Bruttogehalt lässt sich direkt vergleichen, ein Nettogehalt nur mit Kenntnis der individuellen Abzüge.
Zusätzlich unterscheiden sich Erhebungen danach, wen sie zählen. Eine Statistik, die nur Vollzeitbeschäftigte erfasst, kommt zu einem höheren Durchschnittsverdienst als eine, die auch Teilzeitkräfte und Minijobber einschließt, einfach weil kürzere Arbeitszeit bei gleichem Stundenlohn ein niedrigeres Monatsgehalt ergibt. Wer zwei Zahlen aus zwei Quellen vergleicht, vergleicht deshalb oft nicht dieselbe Grundgesamtheit, auch wenn beide Zahlen für sich richtig sind.
Wo die amtliche Zahl steht
Die Verdienste in Deutschland führt das Statistische Bundesamt auch als Index, und genau der zeigt, wie sich der durchschnittliche Bruttomonatsverdienst über die Jahre bewegt hat, auch ohne den Eurobetrag selbst zu nennen. 2025 ist das Basisjahr der Reihe, 100 Punkte. 2007 lag der Nominallohnindex bei 61,7 (Tabelle 62361-0020, Stand 09.09.2026).
Wie entwickeln sich die Verdienste in Deutschland?
Das entspricht einem nominalen Anstieg von rund 62 Prozent über 18 Jahre, in der Verdiensterhebung des Statistischen Bundesamts Jahr für Jahr nachvollziehbar. Die amtliche Reihe führt nur Indexpunkte, keinen Eurobetrag. Wer wissen will, wie viel Geld dahintersteckt, muss die Verdiensterhebung selbst öffnen. Dieser Anstieg verlief nicht gleichmäßig. Bis 2022 stieg der Index auf 86,0 Punkte, rund 39 Prozent in 15 Jahren. Die letzten drei Jahre brachten allein 16 Prozent, spürbar schneller als im langjährigen Durchschnitt davor. Zwischen 2019 und 2020 fiel der Index sogar, von 82,0 auf 81,4 Punkte. Wer 2020 auf das Vorjahr schaute, sah einen Rückgang, wer 2024 auf 2022 schaute, einen Sprung.
Was der Reallohn zeigt, das der Nominallohn verschweigt
Der Reallohnindex rechnet die Inflation heraus und zeigt, was von einem höheren Nominallohn tatsächlich an Kaufkraft übrig bleibt. Während der Nominallohnindex zwischen 2007 und 2025 um rund 62 Prozent stieg, wuchs der um die Inflation bereinigte Reallohnindex im selben Zeitraum nur von 88,8 auf 100 Punkte (Tabelle 62361-0020, Stand 09.09.2026), ein Zuwachs von knapp 13 Prozent.
Der nominale Zuwachs war damit fast fünfmal so groß wie der reale. Ein großer Teil dessen, was auf dem Lohnzettel wie Wachstum aussah, wurde von steigenden Preisen wieder aufgezehrt, wie der Ratgeber zur Teuerungsrate im Detail zeigt. Besonders deutlich zeigt sich das im Jahr 2022: Der Reallohnindex fiel von 99,2 Punkten im Vorjahr auf 95,1 Punkte (Tabelle 62361-0020, Stand 09.09.2026), während der Nominallohnindex im selben Jahr weiter anstieg. Wer in diesem Jahr eine Gehaltserhöhung erhielt, hatte am Monatsende trotzdem weniger Kaufkraft als zuvor. Wer allein die nominale Zahl liest, überschätzt deshalb systematisch, wie viel sich am verfügbaren Wohlstand tatsächlich verändert hat.
Warum der Vergleich mit der Schweiz oder Polen hinkt
Über Ländergrenzen hinweg wird der Fehler größer. Wer den Durchschnittslohn in Deutschland dem in der Schweiz, in Polen oder in Norwegen gegenüberstellt, rechnet die fremde Währung meist schlicht in Euro um. Das ergibt vergleichbare Zahlen, aber keine vergleichbare Kaufkraft. Ein Kaffee, eine Wohnung, ein Arztbesuch kosten in Zürich ein Vielfaches von dem, was sie in Warschau kosten. Ein höheres Nominalgehalt in Franken sagt deshalb noch nichts darüber, wie viel davon am Ende übrig bleibt.
Ein höheres Nominalgehalt in Franken sagt deshalb noch nichts darüber, wie viel davon am Ende übrig bleibt.
Eurostat veröffentlicht für alle EU-Staaten Kaufkraftstandards, mit denen sich Einkommen über Landesgrenzen hinweg tatsächlich vergleichen lassen.
Für Nichtmitglieder der EU wie die Schweiz oder Norwegen liefert die OECD eine vergleichbare Berechnung. Beide Quellen taugen für einen belastbaren Vergleich, eine nominale Eurosumme aus einer deutschen Lohnstatistik dagegen nicht.
Was diese Zahl nicht zeigt
Weder Mittelwert noch Median, weder Nominal- noch Reallohnindex sagen etwas darüber, wie sich Verdienste nach Branche, Bundesland oder Geschlecht unterscheiden. Diese Aufteilung liegt im Dossier Verdienste.
Wie stark Real- und Nominallohn in einzelnen Jahren auseinanderliefen, lässt sich unter Statistik antwortet nachrechnen. Wer sein Gehalt am Durchschnitt misst, misst es an einer Summe, nicht an seinen Kollegen.
Alle 3 Dossiers und die Reihen des Bereichs stehen unter Preise und Verdienste.
Wenn Ihre Frage dort nicht steht, stellen Sie sie: Statistik antwortet sucht
die Antwort im geprüften Bestand, drei Fragen sind frei.
Häufige Fragen
Was ist der Unterschied zwischen Durchschnittsgehalt und Mediangehalt in Deutschland?
Das Durchschnittsgehalt (Mittelwert) addiert alle Gehälter und teilt die Summe durch die Zahl der Beschäftigten, wodurch einzelne sehr hohe Einkommen den Wert stark nach oben ziehen. Das Mediangehalt sortiert alle Gehälter der Größe nach und nennt den mittleren Wert, bei dem eine Hälfte mehr und die andere weniger verdient. Weil Einkommen in Deutschland nach oben schief verteilt sind, liegt der Median meist unter dem Mittelwert.
Wie hoch war der Nominallohnindex in Deutschland 2007 im Vergleich zu 2025?
Der Nominallohnindex lag 2007 bei 61,7 Punkten und stieg bis 2025, dem Basisjahr mit 100 Punkten, um rund 62 Prozent (Statistisches Bundesamt, Tabelle 62361-0020, Stand 09.09.2026). Der Index bildet die Entwicklung des durchschnittlichen Bruttomonatsverdienstes ab, nennt aber keinen Eurobetrag.
Warum fiel der Nominallohnindex in Deutschland zwischen 2019 und 2020?
Der Nominallohnindex sank von 82,0 Punkten im Jahr 2019 auf 81,4 Punkte im Jahr 2020 (Statistisches Bundesamt, Tabelle 62361-0020, Stand 09.09.2026). Wer im Jahr 2020 auf das Vorjahr blickte, sah damit erstmals seit Jahren einen Rückgang statt eines Anstiegs.
Wie stark stieg der Reallohnindex in Deutschland zwischen 2007 und 2025?
Der Reallohnindex, der die Inflation herausrechnet, stieg von 88,8 Punkten im Jahr 2007 auf 100 Punkte im Basisjahr 2025, ein Zuwachs von knapp 13 Prozent (Statistisches Bundesamt, Tabelle 62361-0020, Stand 09.09.2026). Zum Vergleich: Der Nominallohnindex legte im selben Zeitraum um rund 62 Prozent zu.
Wie hoch war der Reallohnindex in Deutschland 2022?
Der Reallohnindex fiel 2022 auf 95,1 Punkte, nachdem er 2021 noch bei 99,2 Punkten gelegen hatte (Statistisches Bundesamt, Tabelle 62361-0020, Stand 09.09.2026). Der Rückgang zeigt, dass Gehaltserhöhungen in diesem Jahr die gestiegenen Preise nicht ausglichen.